213-12__ Becker, Walther Karl Albert, u.a., wegen Deportation in Vernichtungslager und Erschießung von Juden des Ghetttos Starachowice durch Angehörige des KdS-ADS Starachowice (KdS Radom)(Staatsanwaltschaft Hamburg 147 Js 37/67), 1942-1975 (Serie)

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Ref. code:213-12__
Title:Becker, Walther Karl Albert, u.a., wegen Deportation in Vernichtungslager und Erschießung von Juden des Ghetttos Starachowice durch Angehörige des KdS-ADS Starachowice (KdS Radom)(Staatsanwaltschaft Hamburg 147 Js 37/67)
Laufzeit:1942-1975 (1942) 1965-1975
Contains also:Enthält u.a.: Umfang / Inhalt: 29 Bde. Hauptakten (4420 Bl.) (Bde. 1-12 = unter ursprünglichem Az. 141 Js 1312/63; Bde. 28 und 29 größtenteils unblattiert, (ca. 200 Bl.)), 5 Bde. Handakten (817 Bl. unblatt. ca. 300 Bl.), 7 Sonderbde. (Ermittl. zu Besch., Einstellungsverfügung Besch. 10-23), Lichtbildmappe (Portraitfotos Angeh. der SS, Besch. zu 1), Foto des Schulschießens der Werksangehörigen Starachowice, Fotos Ortschaft Starachowice, Landkarten), isr. Zeugenaussagen, Kostenhefte, Zustellungsnachweise, 2 Ordner Korrespondenz mit Zeugen, BDC-/WASt-Ermittlungen.-
Straftatbestand: Starachowice im Distrikt Radom hatte etwa 30.000 Einwohner, davon etwa 3000 Juden. Durch Umsiedlung von Juden aus dem Reich und Ghettoisierung erhöhte sich die Anzahl auf etwa 6000 Juden im September 1942. Die Stadt bestand aus zwei selbständigen Stadtteilen, Wierzbnik, wo vor allem Polen und Juden wohnten, und dem eigentlichen Starachowice, wo die polnische Oberschicht wohnte und die deutschen Dienststellen ansässig waren. Starachowice war Sitz eines Kreishauptmannes sowie einer Außendienststelle des KdS Radom. Außerdem wurden ein Gendarmeriezug, später ein Polizeibataillon und ein Schutzpolizeikommando dort stationiert. Die meisten Juden lebten am Marktplatz in Wierzbnik und im Judenviertel der Stadt. Im Frühjahr 1941 wurde ein Teil des Judenviertels zum Ghetto erklärt. Dazu gehörte ein Teil des Marktplatzes und umliegende Straßen. Es war ein sogenanntes offenes Ghetto ohne Zäune, den Juden war das Verlassen bei Strafe trotzdem untersagt. Die räumlichen Verhältnisse waren so beengt, daß ganze Familien teils nur einen Raum zur Verfügung hatten. Die Lebensmittelversorgung war unzureichend, so daß die Juden versuchten, Wertsachen gegen Lebensmittel einzutauschen.
Als 1942 die Deportationen aus dem Bezirk Radom begannen, strömten Juden aus der Umgebung nach Starachowice, um in den dortigen Betrieben - Erzgruben, Hochofenwerk, Stahlwerk, Eisengießerei, Werkzeugmarcherei, Munitionsfabrik und Sägewerk - Arbeit zu finden und der Deportation zu entgehen. Am 27.10.1942, fand die Räumung des Ghettos durch ein Sonderkommando des SSPF Radom und eine Hilfswilligen-Kompanie - Ukrainer, Letten oder Litauer - statt. Das Ghetto wurde umstellt. Nachts oder frühmorgens wurde den Juden befohlen, sich auf dem Marktplatz (Rynek=Ringplatz) zu sammeln, ukrainische Hiwi-Kolonnen, jüdischer Ordnungdienst und Angehörige des Sonderkommandos des SSPF Radom trieben die Juden aus den Häusern und zum Marktplatz. Danach wurden die Häuser nach versteckten oder zurückgebliebenen Juden durchkämmt. Dabei wurden zahlreiche Juden, vor allem ältere, gehbehinderte oder kranke Juden und kleine Kinder, erschossen. Diese Durchsuchung führten vermutlich lettische oder ukrainische Hilfswillige durch. Werkschutz und Personalabteilung des Stahlwerks suchten Arbeiter aus. Die für die Arbeit ausgesuchten Juden, möglicherweise 1500, blieben als Arbeitskräfte in den Stahlwerken in Starachowice (die Teil der Stahlwerke Braunschweig im Verband der Reichswerke Hermann Göring waren), im Sägewerk und im Elektrizitätswerk. Die nicht für die Arbeit in Frage kommenden Ghettobewohner wurden zur Verladerampe am Bahnhof Wierzbnik getrieben. Vermutlich mehr als 2000, vielleicht auch 3000 bis 5000 Personen wurden in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und dort vergast. In Wierzbnik blieb ein Aufräumkommando zurück, das die Toten - mindestens 30 - beerdigte und die Habe der Verschleppten zu sammeln und zu ordnen. Die Juden aus den zwei Lagern beim Stahlwerk (ZAL Majowka und Strelnica), dem Lager im Sägewerk und im Elektrizitätswerk wurden im Juli oder August 1944 vor dem Anmarsch der Roten Armee nach Auschwitz gebracht.
Der Beschuldigte Walther Karl Albert Becker räumte ein, die Juden im Sommer 1944 vor dem Abtransport im Lager besucht zu haben, um sie zu "beruhigen", außerdem gab er zu, an der Verladerampe gewesen zu sein. Eine den Tod der Juden fördernde Handlung konnte ihm nicht nachgewiesen werden.
Gemäß dem Beschluß zur Eröffnung der Voruntersuchung soll der Beschuldigte Walther Karl Albert Becker im Herbst 1942 an der Räumung des Ghettos in der Altstadt von Starachowice beteiligt gewesen sein. Er soll sich am oder nahe dem Marktplatz befunden haben und ordnend in das Geschehen eingegriffen haben, indem er befahl, daß Juden mit Arbeitspapieren gesondert Aufstellung nehmen sollten. Einige soll er auch selbst zum Arbeitseinsatz ausgesucht haben. Mindestens 10 Juden soll er eigenhändig erschossen haben.
Laut Anklageschrift soll er in 13 selbständigen Handlungen im Oktober 1942 teils gemeinschaftlich gemordet haben.
1) Beteiligung an der Räumung des Ghettos von Starachowice, in deren Verlauf die Mehrzahl der Juden, mindestens 3000 Personen, in ein Vernichtungslager verbracht wurde. Dabei soll er ordnend eingegriffen haben, indem er Juden zur Eile antrieb, Untergebenen Befehle gab, eine Gruppen jüdischen Zwangsarbeitern zu einem ZAL begleitete und sich zeitweise an der Laderampe bei den Güterwaggons aufhielt.
2) und 3) Erschießung von zwei jüdischen Männern in einem Durchgang zwischen der Kolejowastraße und dem Marktplatz.
4) und 5) Erschießung einer älteren Jüdin und eines älteren Juden an der Einmündung der Krotkastraße in den Marktplatz, während diese langsam zum Marktplatz gingen.
6) Erschießung eines Lehrers der örtlichen Talmudschule mit Vornamen Szloma an der Einmündung der Krotkastraße in den Marktplatz.
7) Erschießung des Vorstehers der jüdischen Kultusgemeinde namens Schmuel Iser ungefähr in der Mitte des Marktplatzes.
8) Erschießung des jüdischen Schneiders Kirschenblatt auf dem Marktplatz.
9) Erschießung einer jüdischen Frau, die obwohl sie nicht für den Arbeitseinsatz ausgesucht worden war, mit ihrer Tochter versuchte, zu den Juden zu gelangen, die für den Arbeitseinsatz gesammelt wurden.
10) Erschießung eines gehbehinderten jüngeren Juden in einer Toreinfahrt an der Südseite des Marktplatzes.
11) Tötung eines ca. einjährigen jüdischen Kindes an der Südseite des Marktplatzes, indem er es mit dem Kopf an eine Hauswand schlug.
12) und 13) Erschießung der Juden Abraham Rubinstein und Henoch Kaufman in einer Toreinfahrt an der Südseite des Marktplatzes.
Das Gericht sah keinen der Anklagepunkte als ausreichend erwiesen an und sprach den Angeklagten frei.
Bereits vorher eingestellt mangels Beweises bezüglich 1) Erhängung von 6 bis 17 Polen 1941 oder 1942 auf Befehl des Beschuldigten Walther Karl Albert Becker auf dem Marktplatz von Starachowice. 2) Erschießung der Jüdin Tobka Wajsblum beim Stahlwerk in Starachowice. 3) Erschießung von 8-10 Juden in der Nähe des ZAL des Stahlwerks in Starachowice im Frühjahr 1944, da diese aus Majdanek kommenden Juden von Judenvernichtungen berichtet hätten.
Eingestellt mangels Tatverdachts: 4) Mordversuch an der Jüdin Guta Blas im Sommer 1944.
Vorläufig eingestellt bzgl.: 5) Folterung und Erschießung von Personen in der KdS-ADS Starachowice von Frühjahr 1941. 6) Erschießung eines Juden in der Niskastraße zu unbekanntem Zeitpunkt. 7) Erschießung eines jungen Arbeiters im Spätsommer 1942 auf einer Arbeitsstelle des Elektrizitätswerkes in Starachowice. 8) Erschießung eines ca. 60-jährigen Juden in der Wysokastraße vor der Deportation im Herbst 1942. 9)Erschießung von 20-30 aus Warschau geflohenen Juden auf dem jüdischen Friedhof vor der Ghettoräumung. 10) Erschießung des jüdischen Mädchens Esther Manela am 27.10.1942. 11) Erschießung der jüdischen Eheleute Brodbeker auf dem Marktplatz am 27.10.1942. 12) Erschießung des Ehepaares Biedermann auf dem Marktplatz am 27.10.1942. 13) Erschießung der Ehefrau des Henoch Kaufman auf dem Marktplatz am 27.10.1942. 14) Erschießung des Juden Kiwe während der Ghettoräumung. 15) Erschießung eines verletzten jüdischen Arbeiters während der Gehttoräumung. 16) Erschießung mehrerer jüdischer Kinder bei einem Brunnen nahe dem Marktplatz. 17) Erschießung mehrerer Juden auf dem Weg zum Bahnhof am 27.10.1942. 18) Erschießung des Josef Rosenberg auf dem Weg zu einem ZAL des Stahlwerks am 27.10.1942. 19) Erschießung einer unbekannten Anzahl von Juden auf dem Weg zu einem ZAL des Stahlwerks am 27.10.1942. 20) Erschießung eines Juden bei der Wertsachenabnahme oder Befehl zur Erschießung eines Juden am 27.10.1942. (möglicherweise auch durch den Beschuldigten Ralf Alois Althoff. 21) Erschießung von zwei jüngeren Juden bei der Wertsachenabnahme im ZAL des Sägewerkes am 27.10.1942. 22) Erschießung eines ca. 14-jährigen Juden in einem ZAL des Stahlwerks am 31.10.1942. 23) Befehl zur Erschießung des 16-jährigen Juden Adler im ZAL des Elektrizitätswerkes in Starachowice am 03.11.1942. 24) Erschießung von 10 Polen und 2 Juden, wobei die zwei Juden die Gräber ausheben mußten, im Herbst 1942. 25) Erschießung von kranken Juden aus einem ZAL des Stahlwerkes. 26) Erschießung eines Juden Weihnachten 1942 oder 1943 in einem ZAL des Stahlwerks. 27) Erschießung von Juden im Winter 1942/1943 in einem ZAL des Stahlwerkes. 28) Erschießung kranker Juden in einem ZAL des Stahlwerks im Winter 1942/1943. 29) Befehl zur Erschießung von 3-5 Juden im Frühjahr 1943 anläßlich eines Appells in einem ZAL des Stahlwerks. 30) Möglicherweise Befehl zur Erschießung von 10 Juden anläßlich eines Appells, unbekannter Zeitpunkt. 31) Tötung von drei Juden aus Szydlowiec in einem ZAL des Stahlwerks, unbekannter Zeitpunkt. 32) Abtransport von 120 kranken Juden aus einem ZAL des Stahlwerks im Jahr 1943, wobei die Juden später getötet wurden. 33) Willkürliches Schießen auf Lagerinsassen eines ZAL des Stahlwerkes, auch durch den Besch. Ralf Alois Althoff. 34) Erschießung eines kranken Juden und Befehl zur Erschießung von drei kranken Juden aus einem ZAL des Stahlwerkes im Jahr 1943 auf dem jüdischen Friedhof.
35) Befehl zur Erschießung von zwei jüdischen Mädchen, die zu fliehen versucht hatten, möglicherweise auch durch den Beschuldigten Kurt Otto Baumgarten. Dieser Fall ist möglicherweise identisch mit einem Fall im Verfahren Zentralstelle Dortmund 45 Js 19/67. 36) Befehl zur Erschießung des Juden Schmuel Wajsblum im Jahr 1944. 37) Erschießung eines jüdischen Lagerpolizisten namens Herblum im Sommer 1944 nach einem Massenausbruch von Juden aus einem ZAL des Stahlwerkes.
Vorsitzender Richter:Ehrhardt; Sarstedt, Prof. Dr.
Staatsanwalt:Seebaß; Röper; Rejewski, Dr.
Alte Aktenzeichen staatsanw. Ermittlungsverfahren:Staatsanwaltschaft Hamburg 147 Js 37/67, früher 141 Js 1312/63; auch: 147 Js 16/67.- Parallelverfahren: Dortmund (Z) 45 Js 19/67; Stuttgart 17 Js 713/67.
Alte Aktenzeichen Eröffnung Hauptverfahren:(50) 35/70 (LG Hamburg); 5 StR 58/73 (BGH).
Former reference codes:213-12_0062
Angeklagte / Beklagte:Becker, Walther Karl Albert, geb. am 13.04.1897, in Hamburg, Leiter KdS-ADS Starachowice, Kriminalsekretär, SS-Untersturmführer
Althoff, Ralf Alois, geb. am 01.03.1909, in Ratibor/Oberschlesien, gest. am 01. oder 02.08.1964 in Hürth, Abwehrbeauftragter Stahlwerk Starachowice bis 1943
Baumgarten, Kurt Otto, geb. am 17.07.1908, in Diedenhofen/Elsaß-Lothringen, Abwehrbeauftragter Stahlwerk seit Frühjahr 1943
Kolditz, Walter Kurt, geb. am 11.04.1911, in Bockau bei Aue, gest. am 02.10.1966 in Lüneburg, Leiter Werkschutz
Babisch (falsch: Bakisch), Paul, geb. am 10.04.1893, in Mechnitz, gest. am 02.08.1969 in Frankfurt am Main
Mayer, unbekannt, geb. am , gest. am Frühjahr 1943, Werkschutzleiter Stahlwerk Starachowice
Pachner, Karl, geb. am 12.06.1912, in Perg, Angeh. Abt. IV (Gestapo) KdS-ADS Starachowice
Lutz (phonetisch), unbekannt, unbekannt
Höfelmaier (falsch: Helffermeyer), Ignaz, geb. am 17.04.1904, in Moosdorf, Angeh. KdS-ADS Starachowice 1943/1944
Füssel, Walter Edmund, geb. am 12.12.1895, in Kötzschenbroda, gest. am 24.03.1962 in Essen
Braun, Franz, geb. am 18.05.1913, in Dux, Angeh. KdS-ADS Starachowice, Kraftfahrer
Freilich, unbekannt, unbekannt, Angeh. Gendarmerie
Kreitschmann, unbekannt, unbekannt, Angeh. Gendarmerie oder Schupo
Kuhe, unbekannt, unbekannt
Müller, Felix, unbekannt
Schmidt, unbekannt, unbekannt, Angeh. Gendarmerie
Wudel, Richard, geb. am 14.08.1912, in unbekannt
Strasser, Leonhard, geb. am 03.11.1901, in Reischach/Landkreis Altötting, Angeh. Reservepolizeikompanie München in Radom
Straßer, Max, geb. am 23.09.1901, in Frechenrieden, Angeh. Reservepolizeikompanie München in Radom
Beer, Markus, geb. am 25.01.1903, in Freising, Angeh. Reservepolizeikompanie München in Radom
Mitter, Gerhard, geb. am 20.08.1906, in Gars-Bahnhof, Angeh. Reservepolizeikompanie München in Radom
Schwab, Josef, geb. am 29.10.1901, in Unterwallberg, Angeh. Reservepolizeikompanie München in Radom
Welly, Karl, geb. am 10.03.1903, in unbekannt, Angeh. Reservepolizeikompanie München in Radom
Date of birth:5/18/1913
 

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End of term of protection:12/31/2005
Permission required:Keine
Physical Usability:Uneingeschränkt
Accessibility:Öffentlich
 

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